Ich erinnere mich an eine Situation vor einigen Jahren in meiner Karriere. Ich war in ein Projekt eingebunden, das für mich viel bedeutete — inhaltlich, aber auch als Entwicklungsschritt. In einer ersten E-Mail an externe Partner hat meine damalige Vorgesetzte mich eingeführt. Mit einem Satz.
„Meine Mitarbeiterin Julia wird sich bei Ihnen dazu melden."
Sachlich korrekt. Vollständig. Und trotzdem hat es mich kurz innehalten lassen.
Nicht weil ich die Hierarchie nicht kannte. Die war mir ganz bewusst. Und allen anderen in der Mail auch. Die Frage, die mich beschäftigt hat, war eine andere: Warum musste sie es trotzdem so klar formulieren?
Stellen Sie sich vor, die Einführung hätte so geklungen:
„Julia übernimmt hier die Projektleitung und wird sich bei Ihnen melden."
Oder so:
„Julia ist unsere Expertin für dieses Thema. Sie kümmert sich darum."
Gleiche Fakten. Aber eine völlig andere Botschaft über die Person, die vorgestellt wird. Und über die Person, die vorstellt.
Die erste Version platziert jemanden in einer Hierarchie. Die zweite benennt eine Funktion. Die dritte sieht einen Menschen.
Und das spüren Mitarbeitende. Nicht immer sofort. Nicht immer bewusst. Aber es setzt sich ab.
Manche werden sagen: „Aber es stimmt doch. Im öffentlichen Dienst und regulierten Umfeldern gibt es nun mal Hierarchien. Ich bin die Vorgesetzte, sie ist die Mitarbeiterin."
Ja. Das stimmt. Hierarchie ist real und in regulierten Systemen oft auch notwendig und sinnvoll.
Aber die Frage ist nicht, ob Hierarchie existiert. Die Frage ist: Wann braucht es diese Markierung, und was braucht es gerade dann, wenn man sie setzt?
In dem Moment, in dem meine Vorgesetzte mich vorstellte, wusste jeder, wer die Leiterin war. Die Hierarchie war sichtbar, ohne dass sie benannt werden musste. Sie zu benennen hatte keine funktionale Aufgabe mehr. Außer einer: zu zeigen, wer oben ist.
Das ist kein Führungsakt. Das ist vor allem Statussicherung.
Und der Unterschied ist relevant, weil Mitarbeitende ihn spüren, auch wenn sie ihn nie laut benennen.
Führungskräfte, die sicher in ihrer Rolle sind, müssen Hierarchie nicht permanent sprachlich markieren. Sie können sie benennen, wenn es nötig ist, und weglassen, wenn es nichts beiträgt. Außer vielleicht jemandem seinen Platz zu zeigen.
Edgar Schein hat beschrieben, dass Organisationskultur sich nicht in Leitbildern zeigt. Sie zeigt sich in dem, was als normal gilt. In dem, was niemand hinterfragt. In dem, was täglich gesagt, und was nicht gesagt wird.
Eine Einführung in einem Meeting. Eine Formulierung in einer E-Mail. Ein Satz in einer Abwesenheitsnotiz. Das sind keine bloßen Kleinigkeiten. Das sind die Momente, in denen Kultur entsteht, oder sich verfestigt.
In Verwaltungen, Forschungseinrichtungen und regulierten Organisationen ist das besonders folgenreich. Weil Hierarchien ohnehin sichtbar sind. Weil Rollen definiert sind. Und weil jede zusätzliche sprachliche Markierung deshalb auffällt, ob gewollt oder nicht.
Hohe Fluktuation, Dienst nach Vorschrift, Führungskräfte, die modern führen wollen, aber nicht verstehen, warum gute Leute trotzdem gehen — das sind selten nur Strukturprobleme. Das sind oft auch Kulturmuster. Und sie beginnen in den kleinsten Interaktionen.
Nehmen Sie sich eine Woche lang vor, eine einzige Sache zu beobachten: Wie sprechen Sie über Ihr Team? In E-Mails, in Meetings, in Gesprächen mit Externen? Nicht bewerten. Einfach nur beobachten.
Was Sie dabei entdecken, sagt mehr über Ihre Führungskultur als jede Mitarbeiterbefragung.
Manchmal sind diese Muster so tief verankert, dass man sie von innen nicht mehr sieht. Wenn Sie merken, dass Sie hier eine neutrale Außenperspektive brauchen — jemanden, der den Kontext kennt, intern akzeptiert wird und konkrete Handlungsempfehlungen mitbringt statt allgemeiner Ratschläge —, dann ist das genau die Arbeit, die ich mit Organisationen mache.
Wenn Ihr Team beschreiben müsste, wie Sie über es sprechen, was würde es sagen?
Weiterlesen
Edgar H. Schein & Peter Schein: Humble Leadership — über Beziehung, Sprache und Führungskultur in komplexen Systemen.
MIT Sloan Management Review — Schein on Culture
Alle zwei Wochen: Analyse, Einordnung und Impulse für Führung — direkt abonnieren.
Hier abonnierenUm Ihnen ein optimales Erlebnis zu bieten, verwenden wir Technologien wie Cookies, um Geräteinformationen zu speichern und/oder darauf zuzugreifen. Wenn Sie diesen Technologien zustimmen, können wir Daten wie das Surfverhalten oder eindeutige IDs auf dieser Website verarbeiten. Wenn Sie Ihre Einwillligung nicht erteilen oder zurückziehen, können bestimmte Merkmale und Funktionen beeinträchtigt werden.