Im Februar 2026 hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) den „Stresstest für Städte" veröffentlicht: ein digitales, kostenloses Analyse-Tool, das allen Kommunen in Deutschland zur Verfügung steht. Entwickelt mit elf Pilotkommunen, misst es die Robustheit und Anpassungsfähigkeit einer Stadt gegenüber zwölf Stressszenarien, von Starkregen über Cyberangriffe bis Energiekrise.
Fast zeitgleich reformiert Rheinland-Pfalz sein Brand- und Katastrophenschutzgesetz (Drucksache 18/11379). Der Entwurf reagiert auf die Erfahrungen der Ahrtal-Flut 2021 und trennt künftig ausdrücklich zwei Führungsebenen im Ernstfall: die operativ-taktische Einsatzleitung, also Feuerwehr und Rettungskräfte vor Ort, und die administrativ-organisatorische Leitung, also eine von der Gesamtleitung beauftragte Person, die die erforderlichen Verwaltungsmaßnahmen koordiniert und sicherstellt, dass die zuständigen Funktionen durchgehend, auch im Schichtbetrieb, besetzt sind. Ähnliche Reformen laufen in mehreren anderen Bundesländern.
Zwei unabhängige Signale, ein gemeinsamer Nenner: Resilienz wird gerade neu vermessen, digitaler, systematischer, gesetzlich verbindlicher.
Beide Instrumente können sehr genau zeigen, was auf dem Papier steht. Keines von beiden kann zeigen, ob es im Ernstfall auch trägt.
Der BBSR-Stresstest ist ein gutes Instrument, und er sagt das selbst am klarsten: Er ersetzt kein Warnsystem und gibt keine Empfehlungen zu Maßnahmen. Die Angaben zur Anpassungsfähigkeit beruhen auf Selbstauskunft der Fachämter, nicht auf einer unabhängigen Prüfung. Und er misst strukturelle, meist bauliche und infrastrukturelle Resilienz, nicht die Frage, ob die Menschen, die im Ernstfall koordinieren müssen, das auch tatsächlich können.
Das LBKG in Rheinland-Pfalz wiederum schafft mit der administrativ-organisatorischen Leitung erstmals eine klar benannte rechtliche Struktur für genau die Führungsebene, an der ich arbeite. Das ist eine gute Entwicklung. Aber ein Gesetz regelt, dass es diese Struktur geben muss, nicht, ob die beteiligten Personen im Ernstfall wissen, wer entscheidet, wenn die Leitung nicht erreichbar ist, oder ob drei Stellen unabhängig voneinander unterschiedliche Botschaften nach außen kommunizieren.
Genau diese Lücke sehe ich in nahezu jeder Organisation, mit der ich arbeite: Konzepte, die auf dem Papier vollständig sind, und Rollen, die im Gespräch niemand aus dem Stand benennen kann.
Krisenfest auf dem Papier reicht nicht, auch nicht, wenn das Papier jetzt digital oder gesetzlich ist.
Falls Sie sich mit dem BBSR-Stresstest oder ähnlichen Instrumenten befassen, drei Fragen, die sich lohnen, bevor Sie das Ergebnis für bare Münze nehmen:
Wer würde in Ihrer Organisation die Fragen zur Anpassungsfähigkeit tatsächlich beantworten, und würden zwei verschiedene Fachbereiche zur gleichen Frage dasselbe sagen?
Ist bei Ihnen klar, wo die administrativ-organisatorische Leitung beginnt und die operative Einsatzleitung endet, oder ist das bislang eher implizit geregelt?
Wann wurde das zuletzt nicht nur dokumentiert, sondern unter echtem Zeitdruck durchgespielt?
Weiterlesen
BBSR — Der Stresstest für Städte, Online-Publikation 22/2026
von Richthofen, Wawerek u. a. — Stresstest für Städte. Handreichung zum digitalen Resilienz-Monitoring, BBSR 2026
Landtag Rheinland-Pfalz — Entwurf eines Landesgesetzes über den Brand- und Katastrophenschutz, Drucksache 18/11379
Der Krisenfestigkeits-Check zeigt in 15 Fragen und 12 Minuten, ob Rollen und Entscheidungswege bei Ihnen im Ernstfall wirklich tragen, nicht nur auf dem Papier.
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